
Kennen Sie Philip Marlowe? Den von Robert Mitchum gespielten (in Fahr zur Hölle, Liebling), nicht den von Bogart, Gould, Garner, Powell oder Montgomery verkörperten – die waren’s einfach nicht. Obwohl Elliott Gould in Der Tod kennt keine Wiederkehr… Jedenfalls: Er ist wieder da.
Raymond Chandler (1888 – 1959) hieß der amerikanische Kriminalautor, der Marlowe schuf. Ich habe alle seine Bücher gelesen, Anfang der achtziger Jahre muss das gewesen sein. Alle sieben: Der tiefe Schlaf (1939), Betrogen und gesühnt (1940), Das hohe Fenster (1942), Einer weiß mehr (1943), Die kleine Schwester (1949), Der lange Abschied (1953) und Spiel im Dunkel (1958). Und ich habe anfangs erst spät gemerkt, dass sie gar nicht im Heute spielten. Es war egal. Es war gut so.
Und jetzt gibt es ein Neues. Es heißt Die große Hitze, spielt im Jahr 1938 in Los Angeles und wurde von Denise Mina verfasst, einer schottischen Krimi-Autorin (im Original 2023 mit Erlaubnis oder im Auftrag der Erben, wer weiß das schon, auf Deutsch im April 2026 erschienen). Die Freiburger Stadtbibliothek hat es netterweise auf Wunsch eines Lesers angeschafft. Und um gleich zum Punkt zu kommen: Mina schreibt nicht wie Chandler, aber sie bemüht sich und kommt ihm nahe, wie sich ein angetrunkener Autofahrer bemüht, der auf einer durchgezogenen Mittellinie laufen und sich dabei mit der linken Hand an die Nase fassen und mit der rechten den Ozean greifen soll.
Diese fragile Balance der Schnoddrigkeit (ich ziehe den Begriff der viel zitierten Melancholie vor) eines abgebrühte Detektivs, der manchmal doch nicht abgebrüht genug ist, diese latente Müdigkeit in Augen, die zu viel gesehen haben, bei gleichzeitiger Neugier vor dem Hintergrund des falschen Glanzes von Hollywood, dieser fatale Hang zu Wahrheit und Gerechtigkeit – es ist alles da. Und es funktioniert. Es funktioniert so gut, dass ich dieses Buch nicht aus der Hand legen mag, außer auf Seite 34, am Ende des vierten Kapitels, um das hier zu schreiben. Ein Drang.
Ich habe also keine Ahnung, wie sich die Geschichte weiter entwickelt, gar wie sie endet, werde es aber sehr, sehr zeitnah erfahren, erlesen, da können Sie sicher sein. Und da traut er sich, schon eine Rezension zu schreiben? Ja, traut er sich.
Chandler war zu seiner Zeit einer der wenigen Autoren, dem es scheinbar mühelos gelang, den Detektivroman mit der großen Literatur zu vermählen und dabei, krimiunüblich, vor allem den Weg das Ziel sein zu lassen. Wenn ich nun sage, Mina schreibt nicht wie er, dann heißt das nur, dass es eben unmöglich ist, Chandlers Sound in unserer Zeit der politischen Korrektheiten angemessen zu reproduzieren. Ansonsten: Nah dran, Hut ab, großes Kompliment.
Der Roman ist auch nicht im Diogenes-Verlag erschienen, wie die von mir ver(z)ehrten Chandler-Taschenbücher, sondern im ariadne Verlag. Bei einer, welch wunderschöner Dreh, weiblichen Nachfolge-Autorin, 68 Jahre später, irgendwie auch folgerichtig. Jetzt also hat die vielfach ausgezeichnete Denise Mina (59) – und zum Glück nicht irgendeine seelenlose KI – Philip Marlowe wieder zum Leben erweckt, quasi wachgeküsst, nicht im Heute, sondern in seiner Zeit.
Und ich wusste gar nicht, wie sehr mir dieser literarische Held gefehlt hat. Seinerzeit habe ich auch Dashiell Hammett gelesen, einen Vorgänger Chandlers, der selbst Pinkerton-Detektiv gewesen war und nun in seinen Romanen einen gewissen Sam Spade auf die Reise schickte. Und auch Ross Macdonald (eigentlich Kennet Millar) und seinem Detektiv Lew Archer bin ich lesend gefolgt, später noch James Ellroy, auch er ein Vertreter dieses literarisch „harte Schule“ genannten Genres.
In den letzten Jahren wurde mein Durst nach einem hartgesottenen Detektiv mit Herz dann ausgerechnet in Deutschland gestillt, genauer gesagt aus einer Müllheimer Quelle: Der Autor Jörg Juretzka hatte 1998 den, sagen wir, sehr eigenwilligen Privatdetektiv Kristof Kryszinski auf die gedruckten Seiten beordert, der bislang sechzehn Mal ermittelte, in Romanen wie Alles total groovy hier, Rotzig & Rotzig oder Freakshow, um drei herausragende Epen aus dem, sagen wir: Mittelstrahl zu nennen. Auch er muss immer wieder, wie Marlowe, ordentlich einstecken, also Rückschläge verkraften, gern wörtlich. Und auch hier gibt es mit Roger M. Fiedler, eigentlich Roger Martin Skrzipczyk aus Castrop-Rauxel, einen weiteren Autoren in verwandtem Geiste, der zumindest eine Trilogie um den Detektiv Igor Gorski schuf.
Wo war ich?
Die große Hitze. Wie passend. Wie endlich wieder. Wie gut. Ich empfehle Ihnen, fast schon flehentlich: Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie Krimis wenigstens ab und zu mögen, und wenn Sie den Namen Philip Marlowe schon mal gehört haben. Denn allein dieser Name verspricht großes Kino. Und schon vergessen Sie die große Hitze. Die andere, meine ich, die hier in Freiburg.




