
Stellen wir uns mal vor, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wäre eine Suppe. Da hat jetzt jemand den Herd ausgemacht, den Topf zur Seite gestellt und einen wackeligen Deckel draufgetan. Die geradezu unfassbaren Mengen an Expert*innen (das sind meistens ehemals beruflich mit der Materie befasste Menschen, deren eloquenten Worten aus Statusgründen Gewicht zugemessen wird) haben die Suppe permanent gewürzt, manche haben reingespuckt, andere haben am Topf gerüttelt, einige drin gerührt. Und in deren Abwinden haben mehr oder weniger dasselbe tausende Sportjournalisten (so wie ich hier) und zig Millionen Hobby-Nationaltrainer*innen mitgemacht.
Diese, man erkennt es gleich, durchaus instabile Versuchsanordnung ließ sich in den USA nicht in unendliche, kulinarische Hemisphären hochkochen.
Ob der bundesdeutsche Nationaltrainer Julian Nagelsmann bei dieser WM der richtige Mann am richtigen Platz war – dazu gibt es viele Meinungen. Ebenso wie zu jener Frage, ob er „die richtigen“ Spieler nominiert bzw. in den einzelnen Spielen aufgestellt hat und wie gut er dabei im Vorfeld und bei der WM selbst taktisch und kommunikativ vorgegangen ist. Wenn man einzelne Spiele und darin einzelne Spieler gezielt anschaut, entfalten sich immerhin klare Antworten. Ich lasse das hier so stehen (obwohl es juckt). Keine sportliche Analyse an dieser Stelle. Genießen Sie es.
Statt dessen picke ich mal ein paar Leuchtpunkte heraus aus dem Schweif der gestrigen Nacht.
Zunächst schloss Trainer Julian Nagelsmann einen Rücktritt aus. Das erschließt sich vielleicht auch aus der Tatsache, dass der Nationaltrainer wohl noch einen Vertrag bis 2028 hat (warum eigentlich?) und jährlich, sofern man dem Portal „fußballdaten.de“ Glauben schenkt, für seine Tätigkeit geschätzte sieben Millionen Euro erhält.
Ganz anders sieht es bei den (Nicht-)In-die-Suppe-Spucker*innen aus: Die bekommen laut „sportsillustrated.de“ oder „fussballnationalmannschaft.net“ so rund 10.000 bis 25.000 Euro pro Spiel. Das klingt nach einem guten Geschäft bei bester Work-Life-Balance.
Diese Expert*innen geben vor allem eigene Erfahrungen zum Besten, vergleichen diese mit aktuellen Entwicklungen, schätzen und ordnen ein. Dass dabei in übergroßer Vielzahl billige Phrasen herauskommen, liegt vor allem daran, dass niemand als Nestbeschmutzer oder Nichtpatriot dastehen möchte. Also schildern diese Menschen, dass die Mannschaft und einzelne Spieler dies oder jenes tun müssten, um gut dazustehen, und dass es dann schon klappen werde oder zumindest könnte mit dem Sieg oder dem Weltmeistertitel. Nach dem Spiel sagen sie „wunderbar“, oder, „das ist leider schief gegangen“ oder „es hat nicht gereicht“.
In der Fußball-Bundesliga bringen oftmals sehr schlecht bezahlte Blindenreporter (hören Sie da mal rein, meine Empfehlung) mehr Butter bei die Fische. Wir halten also fest: Die TV- Expert*innenen sagen vermutlich eventuell möglicherweise nicht immer ehrlich und geradeheraus, was sie denken, ahnen oder wissen. Vermutlich wurde deshalb auch Christian Streich ins ZDF eingeladen, weil man ihm vielleicht am ehesten eine ehrliche Aussage zutraute. Check: Für ihn sei es völlig außerhalb der Möglichkeit gewesen, daran zu denken, dass Deutschland Weltmeister hätte werden können.
Auf die Nachfrage, ob er vielleicht neuer Sportdirektor werden wolle, antwortete derweil ZDF-Experte Per Mertesacker, er sei glücklich beim ZDF und wolle das so stehen lassen. DFB-Sportdirektor Rudi Völler hatte zuvor in lauer US-Luft eine branchenübliche Nebelkerze gezündet, indem er äußerte, Julian Nagelsmann sei seiner Überzeugung nach wahrscheinlich der Richtige um weiterzumachen.
ZDF-Reporter Nils Kaben kam zu dem Schluss, dass die deutsche Mannschaft keine Turniermannschaft mehr sei. Das wissen wir eigentlich schon seit 2018. Heute zwölfjährige Kinder erfahren höchstens noch von ihren Eltern oder Großeltern, dass man das früher mal anders sah. Der DFB werde sich jetzt beraten, schloss der Reporter. Auf welchem Niveau ist unsere Fußballnation da unterwegs?
Und was fangen wir nun mit dieser Gemengelage an? Da ich kein TV- Experte bin, schreibe ich mal hier meine ehrliche Meinung auf: Wir sollten in Zukunft darauf setzen, sehr wenige, aber dafür echte und ehrliche Expertise ins TV zu bringen. Christian Streich ist da ein guter Anfang. Eine wechselnde Expertin / ein wechselnder Experte pro Spiel, dazu ein Schiedsrichter-Experte (die sind wirklich hilfreich). Spielkommentatoren und Expert*innen sollten von Fachleuten und Fachfans bewertet und dementsprechend weiter- oder eben nicht verpflichtet werden. TV-Anstalten sollten nur dann zu Korrespondenten, Experten und Vor-Ort-Reportern schalten, wenn die wirklich Informatives zu sagen oder relevante Bilder zu zeigen haben; das Widerkäuen bereits zuvor gesagter oder selbstverständlicher Dinge und das Äußern haltloser Vermutungen sollte nicht ausreichen (und das gilt übrigens auch für alle Themen in der Tagesschau). Dass ein bisschen heiße Luft reicht, um regelmäßig die Sendezeit füllen zu dürfen, sollte künftig zu dürftig sein.
Dazu sollte ein Nationaltrainer nur einen Vertrag bis zum Ende der nächsten WM oder EM erhalten. Die Weiterverpflichtung sollte erfolgs- und qualitätsabhängig erfolgen. Die Bezahlung für ein Jahr reicht schließlich aus, um nie mehr im Leben arbeiten zu müssen. Und wir wissen jetzt, welche Nachteile anderes Vorgehen hat.
Spannender, als ich es mir vor der WM vorgestellt hatte, bleibt es in meinen Augen dennoch.
Rechnen Sie damit, dass es anderen genauso geht und gehen wird. Holland ist schon raus, England wird folgen, auch Kroatien, Argentinien, Portugal und Österreich werden das Finale nicht erreichen (Uuups, ich wollte doch eigentlich nicht…); Brasilien und Marokko werden wackeln. Ghana, die USA und Kapverde machen fußballerisch sehr viel Spaß. Für die ‚alten‘ europäischen und südamerikanischen Teams (außer den wahren – um beim Suppenvergleich zu bleiben: Topffavoriten Spanien und Frankreich) ist der moderne Tempofußball mit intensivster Laufarbeit, extrem druckvollem Anlaufen aller und immer, aufopfernden Zweikämpfen und 5-4-1-Defensiven noch zu viel. Gevatter Catenaccio feiert Urständ (Wer hat’s erfunden? Nein, Italien ist raus: Ein Österreicher in der Schweiz).
Deutschland hat dieses permanente Anlaufen und Ballerobern gegen Paraguay in der ersten Halbzeit ebenfalls gespielt. Nur: Wirklich erfolgreich sind dann erst diejenigen Mannschaften, die daneben noch große Qualität und Tempo in der Offensive, gekonnten Spielwitz und versierte Knipser aufbieten.
Die Zeit der Auf-die-Tube-Drücker auf dem Rasen und der Notwendigkeit eines neuen Qualitätsjournalismus‘ drumherum ist angebrochen.




