von Sebastian Bargon
Wir sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen, den Didi Klausmann vom Freiburger Verein „Ukrainehilfe direkt“ für den 9. Hilfskonvoi zusammengetrommelt hat: ein Schreiner, zwei ehemalige Sozialarbeiter, ein Arzt im Ruhestand und ein ehemaliger Radioreporter. Unsere Rentnertruppe hat Zeit und das Bedürfnis den leidenden Menschen in der Ukraine zu helfen.
An Bord unserer drei Sprinter befinden sich 7 Notstromgeneratoren, Kinderkleidung, Hygieneartikel sowie eine Musikanlage für einen Kulturverein in Charkiw. Nach Ankunft und Auslieferung der Musikanlage können mobile Theater und Filmvorführungen in kleinen Gemeinden und Schulen für Kinder veranstaltet werden. Somit können die Kinder wieder an kulturellen Ereignissen und Bildung teilhaben.
Die lange Fahrt beginnt am Montagmorgen in Freiburg. Über Schwarzwald, Baar und Bayern erreichen wir nach gut 10 Stunden unser Hotel in St. Pölten bei Wien. Wie schon am Mittag werden die mit Käse, Wurst und diversen Salaten gefüllten Kühlboxen geplündert. Bier und Wein gibt´s im Automaten. Am zweiten Tag erreichen wir nach ca. 800 Kilometern die ungarisch-ukrainische Grenze. Hier gibt es einen herzlichen Empfang im Gästehaus von Záhony. Schließlich ist der Freiburger Hilfskonvoi schon zum neunten Mal vor Ort.

László Helmeczi ist Bürgermeister des 3600-Einwohner-Städtchens Záhony. Der ungarische Grenzbahnhof war zu Sowjetzeiten ein wichtiger Umschlagplatz für Waren, die per Bahn Richtung Westen geschickt wurden. Denn an dem Knotenpunkt trafen unterschiedliche Spurweiten aufeinander. Als der russische Angriffskrieg begann, kamen in kürzester Zeit rund 1,5 Millionen ukrainische Flüchtlinge über die Grenze. Es kam zu chaotischen Zuständen, denn sie brauchten Unterkünfte, Matratzen, Betten und Verpflegung.
Dem engagierten Bürgermeister gelang es zusammen mit den Einwohnern, die Flüchtenden nach Kräften zu unterstützen und ihnen das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Später spendierte er Kindern aus Rumänien, der Slowakei und der Ukraine ein gemeinsames Sommercamp. Unter dem Motto „Pause vom Krieg“ waren kürzlich 40 ukrainische Kinder aus der Region Cherson zu Gast in Záhony. Die Freundschaft mit Didi Klausmann entstand vor Jahren, als ein Fahrzeug des Hilfskonvois mangels gültiger Papiere nicht über die Grenze kam.
Der Bürgermeister organisierte damals kurzerhand private Pkws, mit denen die Hilfsgüter über den Grenzfluss gebracht wurden. Die Kommunikation bei unserem Interview läuft über drei Banden. Meine auf Deutsch gestellten Fragen an den Bürgermeister werden von Akos ins Ungarische übersetzt. Die Antworten erfolgen dann vom Ungarischen zurück ins Deutsche…
- Interview mit László Helmeczi, Bürgermeister von Záhony (Ungarn).
Die Nacht verbringen wir Fahrer auf Einladung des Bürgermeisters im Gemeindehaus von Záhony. Wir schlafen in Zweibettzimmern, die Luft ist heiß und stickig. Ich fliehe auf den Flur, wo eine Matratze liegt und etwas Durchzug herrscht.
Am nächsten Morgen geht es nach kurzem Frühstück mit unserem Freund an die Grenze, wo die Ladung unserer Fahrzeuge stichprobenartig kontrolliert wird. Unsere Gastgeschenke in Form von deutschem Bier und Sekt sind illegal, wie wir erfahren. Aber der ukrainische Grenzbeamte drückt ausnahmsweise ein Auge zu. Nach zwei Stunden sind alle Fahrzeuge überprüft und die Zollpapiere gestempelt. Als Erstes nehmen wir Kontakt mit unserer Übersetzerin auf, die an der ersten Tankstelle hinter der Grenze auf uns wartet. Mit ihr fahren wir zu einer größeren Poststation, von wo sechs Notstromgeneratoren, die Musikanlage und die Kinderkleidung in Krisengebiete geschickt werden.
Gut eine Stunde später kommen wir in Mukatschewo an. Im privat betriebenen Waisenhaus erwarten uns 17 Kinder und Jugendliche mit ihren Pflegeeltern. Die meisten Kinder stammen aus der Dnipro-Region in der Ostukraine. Andere aus sozial schwachen Familien. Alle packen mit an, um die Kartons mit Hilfsgütern ins Haus zu bringen. Außerdem haben sie uns ein leckeres Mittagessen zubereitet. Während wir Helfer essen, zeigen einige Kinder Auszeichnungen und Pokale, die sie bei Malerei- und Tanzwettbewerben gewonnen haben. Danach werden – ist ja schließlich WM – zwei gemischte Fußballteams gegründet, um auf der Wiese hinterm Haus gepflegt zu kicken. Für uns Fahrer ist es ein gutes Gefühl, so warm empfangen zu werden. Dank unserer Übersetzerin Maryna Roginevich erfahren wir viel über die Menschen, ihre Schicksale und Träume. Heimleiter Alexander ist „Ukrainehilfe direkt“ sehr dankbar. Auf seine Schützlinge wie z.B. die 14jährige Katja – sie möchte einmal Tanzlehrerin werden – ist er sehr stolz.

- Interview: Welche Bedeutung haben die Hilfslieferungen für das Waisenhaus? Mit Alexander Pyroh.
Das etwas chaotische Fußballspiel mit bunt gemischten Teams auf der Wiese hinterm Haus endet unentschieden. Unser Fahrer Martin hat im Kampf um den Ball die Zweige eines Baums übersehen und sich eine fiese Schnittverletzung zugezogen, die vom linken Auge bis zum Hals reicht. Nach kurzer Behandlung verabschieden wir uns mit dem Versprechen, bestimmt wiederzukommen und fahren weiter zu einem Flüchtlingsheim in den Karpaten. Die malerische Landschaft um Berezynka ist ähnlich schön wie der Schwarzwald. Dort treffen wir eine sechsköpfige Familie, die hier seit vier Jahren Zuflucht gefunden hat.
Natascha (Name der Redaktion bekannt) stammt aus Tschornobajiwka in der Nähe von Cherson. Als die Russen gleich zu Beginn des Angriffskrieges die Stadt bombardierten, hatten ihre vier Kinder große Angst vor den Soldaten, den Panzern und dem Lärm der Schüsse und Bomben. Nataschas jüngster Sohn hatte am 1.März Geburtstag. Keines der Kinder konnte verstehen, warum sie den Tag mit ihren Eltern im Keller verbringen
mussten und nicht feiern konnten. Im Flüchtlingsheim in Berezynka fühlt sich die Familie sicher. Der Vater hat Arbeit in der Landwirtschaft gefunden, die Kinder gehen zur Schule. Aber alle vermissen ihre Heimat. Als ich die Mutter nach ihrem größten Wunsch frage, fangen Natascha und unsere Übersetzerin Maryna an zu weinen. Sie wünschen sich Frieden.

- Interview mit Natascha.
Als wir uns ein Feierabendbier im Garten des ehemaligen Schulhauses genehmigen, laden uns einige Flüchtlingskinder zu einer improvisierten Zirkusshow ein. Später fordern sie uns – das WM-Fieber ist auch hier spürbar – zu einem weiteren Kick auf, der diesmal unfallfrei verläuft. Die Nacht verbringt unsere Crew in einem geräumigen Sechsbettzimmer. Noch lange drücken die Kinder ihre Nasen an die Scheibe, um uns eine gute Nacht zu wünschen.
Am nächsten Morgen besuchen wir ein Internat für sehbehinderte Kinder und Jugendliche im nahe gelegenen Mukatschewo. Der Verein „Ukrainehilfe direkt“ möchte weitere Kontakte knüpfen, vielleicht einen Austausch mit einer Schule für sehbehinderte Kinder in Waldkirch in die Wege leiten. Die Leiterin des Internats, Marianna Gerz, erzählt, dass hier vor dem Krieg 130 Kinder lebten. Momentan sind es nur noch 80.
Sie zeigt uns Klassenräume, Schlafsäle und ein Schwimmbad, das derzeit nicht benutzt werden darf. Denn es würde im Falle eines Luftangriffs zu lange dauern, die Kinder in die Schutzräume zu retten. Befragt nach ihren Wünschen sagt sie, dass die Schule eine Solaranlage brauchen könnte und einen geeigneten Spielplatz für ihre Schützlinge. Didis Idee, ihr Internat mit einer ähnlichen Einrichtung in Waldkirch zu vernetzen, begeistert sie. Denn einige Kinder leiden nicht nur an Sehschwäche, sondern haben auch mentale Probleme wie z.B. Autismus.

- Interview mit Marianna Gerz.
Die letzte Verabredung haben wir in der Nähe von Mukatschewo. Dort lebt seit 30 Jahren ein Jugendfreund unseres Fahrerkollegen Bernhold. Er hat den katholischen Seelsorger Josef lange nicht gesehen. Schnell merken wir, dass wir es mit einer schwäbischen Frohnatur zu tun haben. Der Pfarrer freut sich darüber, dass ich ihn bei der Begrüßung Hochwürden nenne. Er lädt uns zu Freunden ein, die uns in ihrem Garten mit einem opulenten Festessen empfangen. Josef hat viel zu erzählen: Als Josef vor drei Jahrzehnten sein Amt antrat, gab es hier noch drei Ortschaften mit deutschsprachigen Bewohnern. Die Not war groß und er war froh helfen zu können.

- Interview mit Josef.
Nach dem herzlichen Abschied von Josef und seinen Freunden wollen wir den letzten Abend in der Ukraine mit Sightseeing in der Grenzstadt Uzhhorod verbringen. Aber es kommt anders als geplant: Eines unserer Fahrzeuge bekommt einen Platten. Der komplizierte Reifenwechsel – ein Wagenheber geht dabei zu Bruch – gelingt mithilfe einer Live-Schalte mit dem Autohaus Schmid in Waldkirch. Das Abschlussessen in einem Restaurant am Grenzfluss schmeckt nach getaner Arbeit hervorragend.
Am nächsten Morgen müssen wir viel Geduld aufbringen, denn wir brauchen fünfeinhalb Stunden, um über die Grenze zu kommen. Noch eine Übernachtung in Ungarn, dann geht´s zurück in die Heimat. Nach 3000 Kilometern sind wir froh wieder in Südbaden zu sein. Wir haben wunderbare Gastfreundschaft erlebt, tapfere Menschen kennengelernt und viele neue Kontakte geknüpft. Unvergesslich das tägliche Ritual um 9:00 Uhr morgens: Alle Ukrainer bleiben stehen, wenn die ukrainische Nationalhymne gespielt wird. Mit der rechten Hand auf dem Herzen wird an die toten Soldaten und toten Zivilisten gedacht.
Originalton hier:

Beim Abschied sind wir uns einig: Das war nicht unsere letzte Reise in die Ukraine!




