Das Ende der Zeitzeugen – was bleibt?

Der Mantel auf der Blauen Brücke soll ewig an die Gräuel der NS-Zeit erinnern. Die Ausstellung "Ende der Zeitzeugenschaft?" ist noch bis zum 13.09.2026 zu sehen. Foto: Silvia Kurz
Der Mantel auf der Blauen Brücke soll ewig an die Gräuel der NS-Zeit erinnern. Die Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ ist noch bis zum 13.09.2026 zu sehen. Foto: Silvia Kurz

 

Gibt es ein passenderes Datum, als den 8. Mai für einen Besuch im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus? Ein jeder Tag bis zum 13. September 2026 könnte das sein. Auf drei Stockwerken am Rotteckring schafft die Stadt Freiburg in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren ein Zeichen gegen das Vergessen. Die Ausstellung „Das Ende der Zeitzeugenschaft“, die sich mit dem Nationalsozialismus in Freiburg befasst, ist eintrittsfrei. Die Räume sind barrierefrei. Gruppenanmeldungen werden erbeten.

Im Erdgeschoß sind die Jahre von 1918 bis 1933 dokumentiert. Auf einem Bildschirm verändert sich die Badische Parteilandschaft in diesem Zeitraum und der Vergleich mit den aktuellen deutschlandweiten Veränderungen seit 2013 ist erschreckend ähnlich. Bemerkenswert auch, dass Freiburg 1920 mit etwa 90.000 Einwohnern sieben verschiedene Zeitungen und Magazine herausbrachte, allen voran die „Freiburger Zeitung“, die sozialdemokratische „Volkswacht“ und die „Breisgauer Zeitung“, später dann das rechte Blatt „Der Alemanne“. Auch im Hörfunk war Freiburg ein Pionier und hatte als eine der ersten Städte in Deutschland ein eigenes Sendestudio. Von der Pressevielfalt ist nach 1946 und der Neuordnung des Pressewesens durch die französischen Besatzer nichts mehr übrig, das Monopol der „Badische Zeitung“ entstand und dauert bis heute an.

Im Untergeschoß schnuppert man Bunkerluft. In den Jahren nach 1933 wird Gewalt zur Normalität. Die Nazis nutzen die öffentlichen Gebäude und Plätze in Freiburg für ihre Zwecke. Im Bunker findet sich auch Kurioses: Horst Rosenthal, inhaftiert im Konzentrationslager Gurs, hat dort ein Comicbuch über das Lagerleben gezeichnet, mit Mickey Mouse als Hauptfigur. Wie das unter diesen Umständen möglich war, kann niemand mehr beantworten. Ein Lebensmittelbezugsschein erinnert an die schmalen Kriegsjahre. Mit 63g Kaffee pro Woche musste man auskommen, davon gar nur 7g echter Kaffee und 56g Ersatzkaffee.

Die Frage nach dem hier und heute stellt das erste Obergeschoß. Nach der „Operation Tigerfish“, einem großangelegten Bombenangriff im November 1944, blieb von der Freiburger Innenstadt nicht mehr viel übrig. Eine durch Feuer deformierte Schreibmaschine als traurige Überlebende und ein Volksempfänger. Danach kam der Wiederaufbau und irgendwann auch der Beginn der Dokumentation gegen das Vergessen. Unter anderem hat das Projekt NEMORY der Kreativpioniere im Schopf2 vor vier Jahren begonnen, Gespräche mit Zeitzeugen aufgezeichnet. Diese sind über die Homepage von NEMORY abrufbar.
Auf einer Wand kleben Post-its von Besuchern, die die Frage, was es bedeutet, wenn bald niemand mehr aus dieser Zeit lebt, ganz unterschiedlich beantworten. Aber in einer Sache sind sich an dieser Wand alle einig: Ein menschenverachtendes Regime mit Entrechtung, Ausgrenzung und Vernichtung will niemand mehr.

Dokumentationszentrum Nationalsozialismus | Freiburg Museen

In Gurs gezeichnet 

Horst Rosenthal – Wikipedia
NEMORY

 

 

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von Silvia Kurz