Feier des Aufbruchs: Hesse als Maler

 

von links: Jürgen A. Messmer, Lea Qin Messmer, Kurator Dr. Friedhelm Hering und Kunsthistorikerin Karina Klucha in der Hesse-Ausstellung zu Riegel. Foto: Stefan Tolksdorf
von links: Jürgen A. Messmer, Lea Qin Messmer, Kurator Dr. Friedhelm Hering und Kunsthistorikerin Karina Klucha in der Hesse-Ausstellung zu Riegel. Foto: Stefan Tolksdorf

 

von Stefan Tolksdorf

Noch bis zum 11. Oktober 2026 zeigt die Kunsthalle Messmer in Riegel die Ausstellung „Hermann Hesse – Bereit zum Aufbruch – Dichter, Maler, Nobelpreisträger“. Die Ausstellung rückt den vielschichtigen Künstler und Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse (1877 in Calw – 1962 in Montagnola) als Maler in den Fokus.

Er ist noch immer der weltweit meistgelesene deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts. In einer Phase persönlicher und historischer Erschütterung begann Hermann Hesse 1918 zu malen – ohne programmatischen Anspruch, als Reaktion auf eine Krise, in der die Sprache ihre Selbstverständlichkeit verlor.

Der biographische Kontext ist bekannt: Der Erste Weltkrieg, familiäre Belastungen, die Trennung von Frau und Söhnen, eine tiefgreifende psychische Krise, begleitet von analytischen Gesprächen mit Carl Gustav Jung, der ihm riet, zum Pinsel zu greifen. In dieser Situation gewann die Malerei für Hesse eine Funktion, die sich nur unzureichend als „therapeutisch“ beschreiben lässt. Während das Schreiben lange Vorbereitung verlangt und Distanz erzeugt, erlaubt das Aquarell eine unmittelbare Aneignung.

Hesses Motive sind auffallend konstant: Häuser, Gärten, Hügel, Wege – Ansichten aus dem sonnigen Tessin, jene Gegenwelt, in die sich Hesse 1919 zurückzog, in die Casa Camuzzi. Ein halb verfallener Palazzo aus dem neunzehnten Jahrhundert im Dörfchen Montagnola oberhalb von Lugano. Doch Hesses südalpinen Landschaften sind keine topographischen Studien. Sie reduzieren und ordnen, sie vereinfachen die landschaftlichen Formen und steigern die Farben, durchaus in der Tradition der gemäßigten Expressionisten. Perspektivische Tiefe tritt zurück zugunsten einer flächigen Komposition, die weniger Raum als Zusammenhang geriert. Offensichtlich das unerreichbare Vorbild Cézannes.

Die oft hervorgehobene „Naivität“ dieser Bilder ist daher missverständlich: Sie ist weniger Ausdruck mangelnder Fähigkeit als Ergebnis bewusster Reduktion. Hesses literarische Figuren – man denke etwa an den Protagonisten des „Steppenwolf“– sind von unauflöslichen Spannungen geprägt. Die Aquarelle dagegen spiegeln keinen Konflikt, präsentieren vielmehr eine harmonische, zeitlose Welt, ohne dramatische Brüche. Abbild jener mütterlich-bergenden Einheit, die Hesse dichterisch so gern beschwört. Eine ganz ähnliche Funktion nahm für ihn das Gärtnern ein: Beruhigung und Ordnung des Geistes. Eine behutsam wachsende Ordnung. Der „Weise von Montagnola“ blieb dabei ein schwieriger, innerlich zutiefst zerrissener Mensch, dessen Stürme sich im Alter nur ein wenig legten. Hesses Aquarelle sind weder Beiwerk noch bloßes Dokument einer Krise. Ihre Bedeutung liegt weniger in ihrem kunsthistorischen Rang als in ihrer Funktion innerhalb eines Künstlerlebens, das sich permanent selbst in Frage stellt.

Die Ausstellung „Hermann Hesse – Bereit zum Aufbruch“ in der Kunsthalle Messmer präsentiert den Dichter, dessen literarisches und bildnerisches Werk gleichberechtigt nebeneinander stehen und sich wechselseitig durchdringen. Mehr als 130 Exponate – Aquarelle, Zeichnungen, Gedichte, Briefe und Buchausgaben, sämtlich Leihgaben der Stadtsparkasse von Hesses Geburtsort Calw – werden in dialogische Beziehung gesetzt. Die Aquarelle hängen neben Gedichten, eine Tessiner Landschaft neben Literaturzitaten, Reflexionen oder autobiographischen Notizen. En passant erfahren wir Interessantes über Hesses Verbindung zu den Lebensreformern auf dem Monte Vérità, seine zweite Ehe mit der jungen Lisa Wenger und seine dritte Verbindung mit der aufopfernden Ninon Ausläner.

Wir werfen einen Blick in sein Arbeitszimmer in der Casa Rossa, Hesses zweitem Domizil in Montagnola, die ihm ein Schweizer Gönner lebenslang zur Verfügung stellte. Selbst eine jener blitzenden Harleys fehlt nicht, auf der Denis Hopper im Road Movie „Easy Rider“ auf den Straßen des mittleren Westens Hesses Freiheitsideal nachjagte. Dahinter Andy Warhols berühmte Hesse-Lito mit feurigem Mund und ein Foto von Udo Lindenbergs Auftritt in Calw: Auch der Altrocker bekennt sich als glühender Hesse-Fan. Aus all dem entsteht das optisch ansprechende Kaleidoskop eines faszinierenden Künstlerlebens, wird die gestaltende Kraft eines Mannes erlebbar, der uns noch – und gerade heute – einiges zu sagen hat.

Hesses farbenfrohe Aquarelle bezeugen des Dichters große Liebe zur Natur und zu seiner Wahlheimat Tessin ( – es sei doch unmenschlich, befand er einmal, dass nördlich der Alpen noch Menschen leben -) , seine Sehnsucht nach Harmonie und Vervollkommnung. Hesses großen Themen: geistige Erneuerung, Suche nach der eigenen Identität, nach einem Leben in Einklang mit sich und dem Kosmos finden sich eher in den großen Romanen. Seine durchsonnten Aquarelle, inspiriert auch von seinen Mentoren Louis Moilliet und Kuno Amiet, mögen künstlerisch eher marginal erscheinen, anrührend sind sie noch immer. Wie jenes berühmte Gedicht „Stufen“ das am Ende dieses ansprechenden Parcours, Hermann Hesse als Meister des permanenten Aufbruchs feiert:

„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

=> Kunsthalle Messmer

 

 

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von Stefan Tolksdorf