
von Arne Bicker
Schlusssätze, KI-Zorn, Wasser statt Klopapier, Wandel oder was, Volksbad
In dieser Woche las ich in der US-Zeitschrift „The Atlantic“ die Überschrift „Das Zeitalter des Lesens ist vorbei“ (hier in der Google-Übersetzung). In dem Artikel der Autorin Rose Horowitch finden sich Sätze wie „Das Lesen wird heutzutage als unnötig belastende Art der Wissensaneignung betrachtet“ oder „Nur 20 Prozent der Erwachsenen waren im letzten Jahr für über 80 Prozent aller gelesenen Bücher verantwortlich.“ Das gilt für die USA. Und für uns? Ist das Lesen nur eine kurze Ausnahmeerscheinung in der Menschheitsgeschichte? Das Börsenblatt titelte schon 2024 „Kann Gen Z kein ganzes Buch mehr lesen?“. Na klar, erledigt die KI für uns und spuckt dann eine Zusammenfassung aus. Dabei ist Lesen so wichtig, hilft es doch Fantasie und Anteilnahme zu entwickeln, sich besser in andere Menschen hineinzuversetzen und mal Handy und Glotze in den Mantel des Vergessens zu hüllen.
Apropos KI: Die schickt jetzt offenbar schon selbstausgedachte Phishingmails durch die Gegend. Darin steht dann vielleicht so etwas wie: Lesen Sie dieses Buch! Oder: Lesen Sie’s nicht! Fragen Sie Ihre KI oder in Ihrer Apotheke. Das ist Wasser auf den Mühlen aller Die-KI-wird-uns-Auffressen-Apologet*innen. Die Universität Köln sieht das noch anders und verbannt diese Vision ins Land der Märchen. Aber um die Menschheit auszurotten, brauchen wir die KI gar nicht. Das machen wir schon selbst, quasi von Hand.
Ist Wasser das neue Klopapier? Oder anders gefragt: Haben Sie sich schon bei der Autovermietung Ihres Vertrauens einen 7,5-Tonner mit Hebebühne gemietet und flüssige Vorräte eingekauft? Denn das Wasser wird knapp. Deutschland hat laut Bundesumweltminister Carsten Schneider in den vergangenen 25 Jahren 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren. Ob die vom Laster gefallen sind oder einfach verdunstet – wer weiß dass schon? Die Flüsse trocknen aus, Baden-Württemberg auch, im Großraum Freiburg bereitet sich der Energie- und Wasdser versorger ‚badenova‘ auf Trinkwasserlieferungen mit geliehenen Tanklastern vor, und Rinderhalter*innen im Wiesental schlagen Alarm; es drohen Notschlachtungen aus Wassermangel. Woran liegt’s? An der Regierung?
Oder am Klimawandel, den wir alle mit offenen Armen herbeisehnen, indem wir schön weiter machen wie bisher und das Gaspedal in alle Himmelsrichtungen durchdrücken. Es gab mal Zeiten, da hatte man das Gefühl, dass die Politik unser verlängerter Arm sei, Politiker*innen Vertreter*innen des Volks. Aber was will es denn, dieses Volk? Keinen Klimawandel jedenfalls, aber bitte bei weiterem Wachstum durch die Decke und Flugreisen und Kreuzfahrten und Sportwagen und ohne Verzicht. Dieser Wunsch schlägt sich, so rein klimatechnisch, auch im aktuellen Wahlbaromter nieder. Die Tagesschau stellt in einem kurzen Video mal eben locker-flockig aus der Hüfte fest, es gebe einen hohen Druck für „grundlegenden Wandel“ in Deutschland. Ja was denn, es wollen doch nicht alle, das alles so bleibt oder einfach nur mehr wird? Auch die Frage nach dem „gerechten Anteil“ der oder des Einzelnen im Vergleich zu den Mitlebenden wird thematisiert. Hilft es uns also, wenn alle den Kopf in den Nacken legen wie frisch geschlüpfte Vögel im Nest lautstark um Geldwürmer betteln, deren Verteilung die Regierung neben dem Selbsterhalt als ihre Hauptaufgabe anzusehen scheint? Oder könnte man den dräuenden Faschismus vielleicht durch eine kluge, demokratische, gemeinwohlorientierte, zukunftsweisende, inhaltliche Reformpolitik abwenden? Aber wer macht die? Wer?
Ein kühler Kopf könnte helfen. Den gibt es jetzt für umsonst in Berlin, auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, direkt vor einem Theaterbau. Die Volksbühne und ihr Intendant Matthias Lilienthal haben der Stadt ein temporäres Freibad eingepflanzt wie eine Fatamorgana, und diese „Volksbad“ getauft. So richtig mit Badeordnung, Schließfächern, Umkleiden, Duschen und Pommes. Die Nutzung des 25-Meter-Beckens ist nach Voranmeldung kostenlos möglich. Wer dort schwimmt, wird sich vielleicht ab und an vorsichtig umschauen, ob sie oder er nicht von einem Motorhai verfolgt wird. Schließlich ist die Choreographin und Performerin Florentina Holzinger im „Artistic Board“ Teil der Volksbühnenleitung. Und die für ihre Spektakel bekannte Künstlerin ließ bereits der Biennale in Venedig einen Jetski durch den Österreichischen Pavillon kreisen.
Die Woche in Deutschland (DWiD) ist eine satirische Kurznachrichten-Kuratierung, die unser Autor 2013 erstmals im deutsch-französischen Online-Magazin „Eurojournalist.eu“ eingeführt hat. Hier werden Geschehnisse der zurückliegenden Woche kuratiert und zu berichtenden Medien verlinkt.




