Die Woche in Deutschland – KW33

Hitze-Wachstum | Baumschule mit Nebeldusche | Nachtvorlese | Blutjunge Rentner*innen | Graues Blech | Absinthbücher

von Arne Bicker

Was war in der jetzt zu Ende gehenden Woche in Deutschland los? Foto: AB
Was war in der jetzt zu Ende gehenden Woche in Deutschland los? Foto: AB

„Extremtemperaturen bremsen Wirtschaftswachstum in der EU“ titelt Der Spiegel am 10. August und bezieht sich auf eine Studie der niederländischen Triodos-Bank. Grund sei eine hitzebedingt um 0,6 Prozentpunkte geringere Arbeitsproduktivität. (0,6? Diese laschen Nebelduscher*innen sollten mal hierher nach Südbaden kommen, da sind 60 Prozent noch ein Spitzenwert!) Aber ist es nicht unter anderem das Wirtschaftswachstum, das die zerstörerische Welthitzespirale befeuert? Wie viel Wachstum brauchen wir? Brauchen wir überhaupt noch mehr Wachstum?  Wie viel Wachstum verträgt unsere Welt ohne völlig den Bach runter zu gehen? Vielleicht sollten wir mehr auf kluge Köpfe wie den Historiker Yuval Noah Harari hören, der sagt, die Menschheit solle sich mehr vor US-Tech-Unternehmen fürchten als vor KI-Killerrobotern. Auch Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, Philosoph Kohei Saito oder der Kognitionspsychologe Christian Stöcker formulieren interessante Analyse- und Denkansätze. Wir Menschen indes wollen gern auf das Hitze-Wachstum verzichten, nicht aber auf Wirtschaftswachstum, persönlichen Wohlstand und individuellen Geldreichtum. Wie geht das zusammen? Geht das zusammen? Fragen Sie Ihre Wissenschaft oder Ihre Regierung.

Die ZDF-Nachrichtensendung „Heute“ hält in einem Video fest, dass ein wohlhabender Einwohner dem Winzerdorf Auggen im Markgräflerland, südlich von Freiburg, unverhofft 2,2 Millionen Euro vererbt hat. Que faire? fragt sich da natürlich Dorfbürgermeister Ulli Waldkirch und zaubert als erstes einen schattenspendenden Baum und eine nagelneue Nebeldusche für die vor sich hin glühende Dorfschule aus dem Ärmel. Tja, das war’s gewesen, mit Hitzefrei in Auggen.

Wie selbstgemachtes Hitzefrei funktioniert, das demonstrieren seit Kurzem spanische Winzer*innen. Angesichts der extremen Hitze werden iberische Weinreben schon jetzt, Wochen vor dem fälligen Termin, abgeerntet. Und das nachts, im Schein von LED-Lampen, um der Hitze zu entgehen. Das könnte mal ein echt heißer Tipp sein, gerade auch für unsere badischen Winzer*innen.

Das Bundeskabinett hat derweil eine sogenannte „Frühstartrente“ beschlossen, für junge Menschen zwischen sechs und 18 Jahren, die nicht vor Vollendung des 65. Lebensjahres ausbezahlt werden soll. Monatlich zehn Euro sollen die Jüngsten vom Staat erhalten. Wie üblich auch die Kinder reicher Familien, sonst wäre das ja keine Gießkanne, sondern eine Injektion, und das kann unsere schuldenfreudige Regierung nicht wollen. Mit diesem Geld soll dann, sofern die Eltern einverstanden sind, an der Börse gezockt werden. Unsere Kinder werden damit quasi über Nacht zu Frührentner*innen im Vorschulalter mit Börsenspekulatius in der Brotdose. Bleibt abzuwarten, was künftige Regierungen mit diesem Geld anstellen.

Große Sorgen macht dem Spiegel die Vergrauung deutscher Autobahnen. Immer mehr Neuwagen würden in Farben wie „Cement“ und „Graphite“ bestellt, so das Magazin. Der badisch-fränkische Kabarettist Rolf Miller aus Walldürn im Neckar-Odenwald-Kreis hat dieses Phänomen am Beispiel eines grauen A6 schon vor 15 Jahren  sehr früh beschrieben. Das ist heute noch das reinste Vergnügen – dieses Video anzuschauen, nicht das meist unanständig abstandslose Gefahrengefahre auf unseren Autobahnen.

Letzte  Woche hatte ich an dieser Stelle vom allgemeinen Rückgang des Bücherlesens geschrieben. Jetzt aber gibt es immerhin eine Entwarnung, sprich Abhilfe auf dem kleinen Dienstleistungsweg: Die SZ berichtet von einem Event namens „Book Handling Agency“ in Berlin, bei dem neue und ungelesene Bücher mühsam und von Hand „mit Eselsohren und Absinth-Flecken“ in „Monumente der Belesenheit“ verwandelt wurden. Von Lesezeichen oder Apfelschorle ist da leider nicht die Rede, deshalb erscheint mir das Ganze dann doch arg weltfremd. Apropos: Hier noch drei Sommer-Krimi-Lesetipps: [1] und [2].und [3].

 

Die Woche in Deutschland (DWiD) ist eine satirische Kurznachrichten-Kuratierung, die unser Autor 2013 erstmals im deutsch-französischen Online-Magazin „Eurojournalist.eu“ eingeführt hat. Hier werden Geschehnisse der zurückliegenden Woche kuratiert und zu berichtenden Medien verlinkt.