„Honey“ von Imani Thompson – eine Literaturkritik von Silvia Kurz

Yrsa, eine intelligente junge Frau mit jamaikanisch-britischen Wurzeln, studiert in Cambridge und arbeitet an ihrer Doktorarbeit. Nach außen führt sie ein normales Studentinnenleben, aber in ihrem Privatleben rumort es gewaltig. Beeinflusst von Erlebnissen aus Kindheit und Jugend, Demütigungen durch Männer und innerhalb ihrer Familie, Rassismus und patriarchaler Strukturen läuft das Glas über. Die ersten Morde passieren ungeplant. Sie lösen einen gewaltigen Rausch aus Genugtuung und dem Gefühl der Gerechtigkeit aus – nicht nur bei Yrsa. Es erscheint so logisch und befreiend, dass die von der Bildfläche verschwinden, die sich schamlos rücksichtslos verhalten.
Yrsa ist, trotz ihrer starken erotischen Wirkung auf Männer, einfach kein „nettes Mädchen“, kein Honey-Bunny, kein Schätzchen, aber auch keine klassische Femme Fatale. Aber sie ist auch nicht der moderne Robin Hood der weiblich-schwarzen Befreiung, so sehr man sich das wünschen mag. Ihr unterlaufen Fehler – professionelles Töten will schließlich gelernt sein – und ihr Doktorvater kritisiert in ihrer Arbeit zu Recht am schärfsten ihre Methoden. Sie weiß schon, dass die Antwort auf Gewalt nicht Gewalt sein kann – aber warum fühlt es sich dann so höllisch gut an?
Der Roman biegt am Ende in die Straße der Reue und Irritation ein, verliert von seiner wütenden Kraft. Er bittet um Verständnis und liefert Erklärungen, etwas, das er nicht nötig gehabt hätte. Sollte sie am Ende doch nur ein traumatisiertes Mädchen sein, die lernen muss, mit ihren Gefühlen gesellschaftskompatibler umzugehen? Mit ein bisschen Therapie wird schon alles wieder gut? Mitnichten, denn solange die Misogynie andauert, müssen Frauen wütend sein.
Imani Thompson – Honey, 412 Seiten, rowohlt Verlag, erschienen am 17. Juli 2026




