Und nun zum Spocht

Gerade haben die XXV Giochi olimpici invernali begonnen, vom 6. bis zum 22. Februar 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo. Letzteres ist, so glaube ich, ein italienischer Drink, den man grundsätzlich aus nicht weniger als 14 Metern Entfernung beim Kellner bestellen sollte. Am besten begleitet von zarten Trompetenklängen, also solchen, bei denen ein Pümpel vor dem Ausguss das Trötende des Instruments in ein zartes Gesäusel verwandelt, Cortino Trompeto quasi. Aber ich schweife ab. Diese olympischen Wintersachen lassen zuverlässig alle vier Jahre eine Sportart an den Gestaden unserer Wahrnehmung anlanden, die nur die wenigstens schon einmal wirklich, also in echt erlebt haben. Dazu der folgende Text.

Eisige Höchstleistungen

Meine sehr verehrten Damen und Herren, herzlich willkommen zur Sportschau im Ersten. Sie sind es ja von uns gewohnt, dass wir für Sie in bester Regelmäßigkeit vor allem von drei Sportarten berichten: Von der Fußball-Bundesliga, von der zweiten Bundesliga und aus der Dritten Liga. Heute aber machen wir aus gegebenem Anlass eine Ausnahme und schalten nun auch schon direkt zu unserem Reporter Ecki Westphal zur festlich geschmückten Kunsteislaufbahn nach Castrop-Rauxel-Bladenhorst. Dort beginnt in diesen Minuten das Finale um die Deutsche Meisterschaft im Curling, und selten war es so spannend wie diesmal….

„Ja meine lieben Zuschauerinnen und Zuschauer daheim an den vormaligen Endgeräten, hier, auf dem Eisfeld der Ehre, beginnt nun das Finale um die Deutsche Meisterschaft, das zugleich auch die Qualifikation bedeuten kann für die bevorstehende Winter-Olympiade in Rovaniemi, und es kommt hier in Bladenhorst zum entscheidenden Duell zwischen den Curling-Mannschaften aus der butterweich gesponsorten Bleib-Noch-Ein-Bischen-Liegen-Stadt und den kargen Außenseitern aus Steh-Endlich-Auf-Dorf. Wer wird das gefrorene Nass als Sieger verlassen? In wenigen Minuten wissen wir mehr.

Naturgemäß beginnt das Steh-Endlich-Auf-Team mit dem ersten Wurf: Energisch drückt Eröffnungsspieler Die-Nacht-Hat-Ein-Ende seinen Henkelstein in Richtung Zielmarkierung; die Mannschaftskameraden Genieße-Den-Tag und Frisch-Auf-Ans-Werk polieren das Eis mit ihren Handbesen – was sage ich, sie fegen, was das Zeug hält, das Eis glüht förmlich, der Henkelstein wird so zum Lavastein und fließt gemächlich dem Ziel entgegen – falls Sie mir in dieses Bild folgen wollen. Wird der Flutschstein rechtzeitig erkalten, ich meine liegenbleiben? Jaaaa – und wie akurat! Da wächst das Spielgerät im Zielkreis fest, da wird also quasi das Spielgerät zum Zielgerät, wenn Sie mir folgen wollen, und wir warten nun auf den ersten Steinschieber aus der Bleib-Noch-Ein-Bischen-Liegen-Mannschaft.

Müde schlurft Mannschaftskapitän Im-Bett-Ists-So-Gemütlich im folkloristischen Schlafanzug in Filzpantinen heran. Ein bisschen übertrieben finde ich das schon, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, da haben die Sponsoren aus der Schnarch-und-Schlaf-Branche ein bisschen zu viel aus den Nachttöpfen auf die Bettvorleger gegossen, wenn Sie mir in dieses Bild folgen wollen, aber: Was ist das? Der Stein bleibt gut und gerne ganze fünf Meter vor dem Zielkreis liegen, denn Im-Bett-Ists-So-Gemütlichs Eisfeger Nur-Noch-Ein-Paar-Minuten und Scheiß-Aufs-Frühstück haben verschlafen und deshalb die Arena gar nicht erst rechtzeitig erreicht, wie ich gerade aus der Regie höre.

Das ist bitter, das ist hart, aber den Schiebe-Athleten wird nunmal nichts geschenkt, das war schon im alten Griechenland bei den Galerensklaven nicht anders, wenn Sie mir folgen wollen. Doch hören Sie nur: Atemlose Stille herrscht nun auf den prall gefüllten Rängen. Für Steh-Endlich-Auf tritt jetzt der hochbezahlte Superstar Was-Du-Heute-Kannst-Besorgen-Das-Verschiebe-Nicht-Auf-Morgen an. Schon von weitem erkennt man den Ausnahmeathleten an seinem tänzelnden Schritt, dem akkurat gescheitelten weißblonden Haar und dem perlweißen Lächeln über dem frisch entflusten Norwegerpulli. Und da: Sein Spielstein rauscht wie von fester Hand gelenkt dynamisch in den Zielkreis: 2:0 für die Steh-Endlich-Auf-Mannschaft!

Nun wird es spannend! Und Sie, meine Damen und Herren daheim an den Geräten können sich auf ein furioses Finale freuen, denn das Bleib-Noch-Ein-Bischen-Liegen-Team ist zwar ins Hintertreffen geraten, hat aber offenbar noch einen Trumpf im Pyjama-Ärmel: Der häufig unterschätzte Nachwuchsmann Ihr-Könnt-Mich-Mal-Kreuzweise schleppt sich an sein Rutschobjekt! Schon des Öfteren hat er das Feld locker aus dem Handgelenk von hinten aufgerollt, und auch diesmal scheint er mit unverrückbarem Gähnen an den Sieg der eigenen Farben zu glauben.

Die Statistik spricht indes für diesen äußerst talentierten Spitzensportler, kein Wunder, dass ihm gerade erst ein neuer Fünfunddreißig-Jahres-Vertrag angeboten wurde. Die Spieler der Steh-Endlich-Auf-Mannschaft werden kalkweiß im Gesicht – ich weiß nicht, ob das ein gutes Zeichen ist.

Selbstbewusst, wenn auch offensichtlich leicht verkatert, schiebt Ihr-Könnt-Mich-Mal-Kreuzweise nun seinen Gleitstein auf die erneut ungefegte Strecke, sprich ab in die Eiswüste, wenn Sie mir folgen wollen. Aber was ist das denn? Ja, wie ist denn das nur möglich? Geradezu mühelos rauscht das runde Teil an dem Stein von Im-Bett-Ists-So-Gemütlich vorbei auf den Zielkreis zu, schießt den grau-weißen Stein von Die-Nacht-Hat-Ein-Ende aus dem heiligen Zirkel und bleibt selbst darin liegen! Ja ist das denn zu fassen, kann das denn wahr sein?
Unglaublich, Wahnsinn! Der Jubel von den Rängen ist jetzt ohrenbetäubend, obwohl, das ist knapp, das ist spannend, und wir warten jetzt natürlich auf Videobeweis und Lichtschrankenmessung, aber für das geübte Auge verdichtet sich der bloße Blick: Ihr-Könnt-Mich-Mal-Kreuzweise hat es wieder einmal geschafft, was für ein Teufelskerl, was für ein Finale! Sein Stein liegt etliche Hundertstel-Millimeter näher am Zielpunkt als das Spielobjekt von Was-Du-Heute-Kannst-Besorgen-Das-Verschiebe-Nicht-Auf-Morgen. Und da kommt auch schon die Bestätigung vom Schiedsgericht!

Da muss ich jetzt selbst erst einmal tief durchatmen, so greifbar war die Spannung, so dramatisch der Wettkampf, aber die Entscheidung ist gefallen: Bleib-Noch-Ein-Bisschen-Liegen gewinnt die Deutsche Meisterschaft, den Titel, die Qualifikation für Garmisch und die Olympiade und überhaupt. Steh-Endlich-Auf hat das Nachsehen, aber auch hier sage ich ausdrücklich: Gratulation für die phantastische Leistung, auch und gerade beim rutschfördernden Zielfegen in der eingeknickten Telemark-Haltung, das war einfach grandios, die ganz große Kunst, das lernt man nicht über Nacht.

Der Vizemeister darf nun immerhin als nur denkbar knapp geschlagener Zweiter auf den nächsten Zweikampf hoffen, in wenigen Tagen in Kitzbühel beim Glättewettkampf erster Klasse, dem Super-G. Aber wir gratulieren Bleib-Noch-Ein-Bischen-Liegen und besonders Ihr-Könnt-Mich-Mal-Kreuzweise ganz herzlich zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft! Fürs Erste soll es das gewesen sein hier aus dem Curling-Epizentrum in Castrop-Rauxel-Bladenhorst, wir melden uns rechtzeitig wieder mit der Siegerehrung; bis dahin gebe ich zurück zu Alexander Bommes und zum Bundesgekicke ins ARD-Sportschau-Studio nach Köln.“