
von Stefan Tolksdorf
Wenn ihm die Schutzgöttin Athene in Gestalt einer von den Griechen ermordeten trojanischen Priesterin erscheint, wenn die Zauberin Kirke seine Gefährten in Schweine verwandelt, weil sie in ihrer maßlosen Gier längst selbst zu solchen geworden sind, wenn der über die Meere irrende Kriegsveteran so lange nicht heimfindet, weil er aufgrund seiner Schuld im Grunde gar nicht heimkehren will – dann haben wir es mit einer radikalen, beinahe präapokalyptischen Neuinterpretation von Homers Odyssee zu tun.
Christopher Nolans in vier Ländern gedrehtes, 250 Millionen US-Dollar teures, dreistündiges Menschheitsepos ist weit mehr als eine bildgewaltige, von Homer nicht selten abweichende Collage aus Mythen-Trash, anachronistischen Römerhelmen, schroffen Landschaften, auf Antike getrimmten Artilleriefestungen, zottelbärtigen Kämpen und dem bisweilen etwas verkrampften Bemühen um ein archäologisch stimmiges Ambiente der Bronzezeit. Es ist der ebenso kühne wie weitgehend geglückte Versuch, eines der Gründungsepen Europas in eine zeitlose Bildsprache zu übersetzen.
Das bedeutet vor allem: Nolan verweigert sich den Reflexen des modernen Hollywoodkinos. Rasanz, schrille Spezialeffekte und hektische Bildschnitte sucht man weitgehend vergebens. Statt einer bunten Abfolge skurriler Abenteuer zeigt er eine Kette von Katastrophen, aus der am Ende nur ein einziger Überlebender hervorgeht. Sein größter Kampf steht dem sichtbar gealterten Helden allerdings noch bevor.
War Kirk Douglas in der Verfilmung von 1954 der listenreiche Abenteurer, verkörpert Matt Damon einen von Zweifeln und Gewissensbissen gequälten Spätheimkehrer. Besonders die Unmöglichkeit, seinen Gefährten ein ehrenvolles Begräbnis zu bereiten – für die Griechen ein kaum zu überschätzendes moralisches Versagen –, lastet schwer auf ihm. Die Götter und alle märchenhaften Wesen spielen dagegen nur noch Randrollen. Im zerfurchten Gesicht des weißbärtigen Protagonisten spiegeln sich gleichermaßen die Qualen des Erinnerns wie die des Vergessens.
Anne Hathaway gestaltet die wartende Penelope als Frau zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Sie weigert sich, den Thron für den noch unreifen Telemach zu räumen, und stemmt sich mit letzter Kraft gegen das Heer der Freier. Bemerkenswert ihre Bereitschaft, das eigene Modellgesicht den Spuren des Alterns preiszugeben. Wie Matt Damon spielt sie mit größter Intensität. Auch die Ungeheuer haben ihren Charakter verändert, agieren eher mechanisch. Vor allem der Kyklop – dessen Name nicht einmal genannt wird – erscheint weniger als mächtiges Fabelwesen denn als geschundene Kreatur.
Mit dieser Entscheidung geht allerdings auch eines der schönsten philosophischen Spiele Homers verloren: das raffinierte Wortspiel um den Namen „Niemand“. Überhaupt kennt Nolans Welt keine eindeutigen Opfer. Die von den Naturgewalten Gepeinigten sind zugleich Täter. Mordend und plündernd ziehen sie eine blutige Spur entlang der Küsten. Die gefürchteten Seevölker, deren drohende Invasion wie ein Damoklesschwert über der spätbronzezeitlichen Welt schwebt und deren Untergang historisch besiegeln wird, erweisen sich schließlich als identisch mit den umherirrenden Veteranen – eine ebenso bittere wie folgerichtige Erkenntnis Penelopes.
Folglich wurde der Trojanische Krieg nicht mehr primär um die schöne – hier dunkelhäutige – Helena geführt, sondern um die Kontrolle der Handelswege. Der Mythos entzaubert und historisiert.
Nur einer erreicht schließlich das rettende Ufer. Doch Ithaka ist für Odysseus nicht mehr das Ziel seiner Sehnsucht, sondern lediglich eine Zwischenstation. Gemeinsam mit Penelope segelt er am Ende nach Westen, in der Hoffnung, jenseits der bekannten Welt den Frieden zu finden, den ihm weder Sieg noch Heimkehr schenken konnten. Ob es ihm gelingt, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen? Oder seinem Sohn Telemach (Tom Holland), der als Herrscher auf Ithaka zurückbleibt und der Blutrache scheinbar entgangen ist.
Nolan gibt darauf keine Antwort. Und gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung seines Films. Die Odyssee endet bei ihm nicht mit der Heimkehr, sondern mit der höchst aktuellen Frage nach der Möglichkeit von Versöhnung nach dem Krieg.
Zu zweit aber irrfahrtet es sich bekanntlich doch schöner.




