
Kommentar
von Arne Bicker
Ja hoppla, was ist denn das, so überfällig, und nun doch so plötzlich? Der Bundesliga-Elfte Union Berlin hat fünf Spieltage vor Saisonende seinen Trainer Steffen Baumgart entlassen und als nachfolgende Cheftrainierende, als entgendersternte Cheftrainerin, Marie-Louise Eta installiert. Die 34-jährige, mit sämtlichen Trainerinnenlizenzwassern gewaschene Dresdnerin trainiert nun als erste deutsche Frau eine Herren-Mannschaft in der höchsten Spielklasse.
Wem da vor Geifer die dritten Zähne rausfliegen, werfe das erste Rafaello. Und nein, ihr müsst jetzt nicht in die Tasten hauen, ihr unglücklichen Netztrolle, bevor ihr zum nächsten wöchentlichen Stuhlkreis der anonymen Shitstormer in einem fensterlosen Neonlichtkeller eures Gemeindezentrums versackt.
Ich atme ein. Ich atme aus. Und freue mich.
Wir grandios ist das denn, einfach nur so, als klitzekleines Gegengewicht zum allgegenwärtigen Patriarchat. Hatte das nicht den Fußball erfunden und als dessen Geistes Bruder stets sämtliche Bälle unter die Querlatte genagelt, während die Tradwives im Vereinsheim allenfalls die Pausenwürstchen aufbrühen durften?
Marie-Louise Eta war bereits zwischen 2023 und 2024 Co-Trainerin bei Union Berlin, genannt „Die Eisernen“. Als Ex-Profi-Spielerin und designierte Cheftrainerin der Unioner Frauen-Mannschaft wird sie jetzt Dompteurin einer gestandenen Bundesliga-Elf, deren Wahrzeichen der aufopferungsvolle Kampf ist. Und deren langjähriger Kapitän Christopher Trimmel fünf Jahre älter ist als sie.
Nein, keine Vergleiche mit M’s, mit Männern oder Merkel oder triMmel oder bauMgart. Eta ist jetzt dran. Punkt. Sie ist kompetent. Nochmal Punkt. Und sie wird die Unioner in der Liga halten, allein, weil sie es kann (da hänge ich mich jetzt mal aus dem Fenster, was ja an der alten Försterei eh eine lange Tradition hat). Und ihr, hängt euch rein, ihr Eisernen mit Lady, und spielt euch zusammen maximal freudvoll über die Ziellinie!
Aus Freiburger Sicht darf ich hier natürlich quasi berufen anfeuern: Hatte nicht unser DEL2-Club EHC Freiburg 1999 mit Maren Valenti mal eine Spielerin im Profi-Einsatz der Herren-Mannschaft? OK, das war ein PR-Gag, den sie zuvor bereits bei den Eisbären Berlin vollbracht hatte – aber sie traute sich das. Und die vorgeblichen Macho-Männer in der schnellsten Sportart der Welt ließen sie mitmachen.
Auch der SC Freiburg hat heute in Julica Goldschmidt eine sehr gute Stadionsprecherin an Bord – auch das ein Zeichen von Gelassenheit, Miteinander und Vertrauen in einem windschiefen Geschlechterverhältnis, das leider auch von sogenannten ‚führenden Köpfen‘ in unserer Bundesregierung noch wie ein Grundgesetz verteidigt wird, obwohl dieses Grundgesetz doch gänzlich anderes einfordert. Aber warum sich um Geschlechtergerechtigkeit kümmern, um eine ebenso überfällige Energiewende, um Klimaschutz, eine Bildungsoffensive oder mehr Einkommens-, Wohnungs- und Besitzgerechtigkeit, wenn man doch donquijotesk, also mit großer Geste als geistiger Windbeutel gegen Benzinpreise anrennen kann, auf die man – im Gegensatz zu den genannten Feldern – tatsächlich keinerlei Zugriff hat?
Ich schweife ab. Was ich sagen will, ist, das nicht unbedingt Frauen Trainerinnen von Männer-Bundesliga-Mannschaften werden müssen. Solange sie es werden können. Und dass es auch schön wäre, wenn bei Frauenfußball-Profi-Spielen nicht mehr mehrheitlich männliche Trainer, Schiedsrichter und Stadionsprecher diejenigen wären, die bei den Spielerinnen das Sagen haben.
Wenn ich zurückdenke an die Frauen-EM im letzten Sommer in der Schweiz, mit wirklich gutem Fußball, bärinnenstarken120-Minuten-Einsätzen und wunderschönen Bildern der Freude und des friedlich-respektvollen Miteinanders auf den Tribünen, dann geht mir das Herz auf und in meinem Kopf öffnet sich ein Panaroma-Fenster: Wie schön könnte diese Welt sein?




