„Die Menschen wollen weiterleben“

Wie spendenbereit sind die Freiburger nach viereinhalb Jahren Krieg noch und was braucht die ukrainische Bevölkerung vor Ort? Foto: Silvia Kurz
Wie spendenbereit sind die Freiburger nach viereinhalb Jahren Krieg noch und was braucht die ukrainische Bevölkerung vor Ort? Foto: Silvia Kurz

 

Seit drei Jahren organisiert Didi Klausmann mit einem kleinen Team aus ehrenamtlichen Helfenden Hilfslieferungen in die Ukraine, die 9. Fahrt ist im Juli 2026 geplant. Das Team um die „Ukrainehilfe direkt“ sammelt Geld, Lebensmittel und Sachspenden und betreut eigene Projekte mit persönlichen Kontakten vor Ort. „Wir sammeln nur für Projekte, bei denen wir sicher wissen, dass die Hilfe ankommt. Und wir kontrollieren das auch“, sagt Klausmann. Wer helfen will, kann das am Samstag, 13. Juni, in Bad Krozingen vor dem Supermarkt HIEBER tun oder sich direkt an www.help-ukraine-direct.de wenden. 

Zur besten Wochenendeinkaufszeit ist am Samstag, 6. Juni 2026, wenig los am Stand der Ukrainehilfe. Vor dem Eingang des großen  „E-Centers Kohler“ in Freiburg-Zähringen nimmt nur jeder Vierte einen Flyer an. Das sei 2022, zu Beginn des Krieges, anders gewesen, erzählt Didi Klausmann. Die öffentliche Berichterstattung sei auch deutlich zurückgegangen, demgegenüber sei die aktuelle Hilfsbereitschaft überproportional groß und beständig. Aufgezwungen wird hier niemandem etwas. Einige Einkaufende verlassen den Laden und legen fast unbemerkt einzelne oder mehrere Lebensmittel, Hygieneartikel und andere Waren in die bereitgestellten Wägen. Dort werden sie in Empfang genommen, in Bananenkisten verpackt und auf Paletten gestapelt.

Alexander Gavrylenko, Vorstand der „Ukrainehilfe direkt“, verteilt Flyer und versteht, dass die Hilfsbereitschaft geschwunden ist. „Viele fragen sich: Wie lange dauert der Krieg noch, wäre es nicht besser, die ukrainischen Männer gingen zurück und kämpften, warum bekommen sie Geld aus Deutschland, warum arbeiten so viele Ukrainer nicht, was ist mit der Korruption in der Ukraine?“ Die deutsche Politik wechsle in diesem Thema immer wieder die Richtung. „Für mich ist nicht erkennbar, ob die Bundesregierung unterstützt oder nicht, das ist mal so, und mal so. Einerseits geht es ums Sparen, aber in anderen Teilen wächst der Wohlstand.“ Auch Didi Klausmann hat vollstes Verständnis für die Veränderung der Spendenbereitschaft: „Die Inflation, der Krieg im Iran, das alles spielt eine Rolle, die ich total nachvollziehen kann. Es ist völlig legitim, dass ein jeder auch nach sich selbst schauen muss.“

Währenddessen übergibt ein Pärchen den Helfern Eingekauftes: Nutella, Zahnbürsten und Kaffee. Was motiviert sie dazu? „Wir haben von der Aktion gehört und wollten spenden und mit dem Team sprechen“, erklärt die Frau. „Wir hatten gleich zu Anfang des Konfliktes eine ukrainische Mutter mit zwei Kindern aufgenommen, sie sind wieder zurück gegangen und leben jetzt außerhalb des Kriegsgebietes. Sie sagt, ihnen geht es gut. Seitdem haben wir gute Kontakte nach Lemberg. Aber wenn ihr Sohn ins wehrfähige Alter kommt und der Krieg ist noch nicht zu Ende, dann kommt er wieder zu uns. Auch jetzt wohnt eine andere ukrainische Mutter mit ihrem 17jährigen Sohn bei uns. Diese Mutter hat auch Angst, dass er zum Wehrdienst eingezogen wird.“ Für sie sei diese Art der Hilfe selbstverständlich. Eine junge Familie mit einem Baby auf dem Arm übergibt daneben Spenden. Für den Vater eine völlig klare Sache: „Diesen Krieg hat sich niemand ausgesucht. Die Menschen sind Spielball der Politik. Müssten die Mächtigen selbst an die Front, wäre das ganz schnell vorbei.“

Was benötigen die Menschen vor Ort inzwischen? Das sei unterschiedlich, sagt Didi Klausmann, der im Juli zum 9. Mal in die Ukraine reisen wird. In Zusammenarbeit mit der Firma „Feeser Generators“ aus Vogtsburg liefern sie Stromgeneratoren in eine Sonderschule. Dort wurden die Wasserversorgung und das Stromnetz beschädigt. Auch das Projekt in Kiew benötigt Baumaterial, um zerstörten Wohnraum wiederherzustellen. Für das Flüchtlingswohnheim und das Waisenhaus werden vor allem Hygieneartikel und die Lebensmittel gebraucht. Da es inzwischen auch wieder Waren zu kaufen gibt, nimmt das Helferteam Geld an, denn vor Ort sind Mehl und Zucker um die Hälfte billiger als in Deutschland.

Ein Mann kommt zum Stand und hat Fragen. Nach einem kurzen Gespräch bietet er an, mit einer Person aus dem Helferteam in den Supermarkt zu gehen und dort den Einkaufwagen voll zu machen, er bezahle das. Er sei mal Unternehmer gewesen, seine Kinder seien schon groß und versorgt, die Frau gerade beim Friseur – er müsse sowieso warten. Gesagt, getan. „So etwas kommt nicht so oft vor“ freut sich Klausmann. So erhält die Aktion einen spontanen Beitrag im Wert von über 200 Euro.

Wie erlebt das Team der Ukrainehilfe die Menschen vor Ort? Didi Klausmann: „Unterschiedlich. Die Region in den Karpaten, die nicht direkt im Kriegsgebiet liegt, die versucht sich im Alltag zu organisieren. Über 300 Tausend Menschen sind dorthin geflohen. In Kiew unterstützen wir eine Gruppe junger Menschen, die zerstörten Wohnraum irgendwie wieder herzustellen und auch von Angriffen immer wieder stark betroffen sind. Das Paradoxe ist vielleicht, dass eben diese Gruppe auch Rave-Partys organisiert und auch mal ausgelassen feiert.

Auf meine Nachfrage, wie das zusammenpasse, meinen sie, dass es ohne dieses Stück Normalität gar nicht auszuhalten sei. Dieser Widerspruch scheint schwer begreifbar – „oder auch nicht“, fügt Gavrylenko hinzu. „Die Menschen wollen weiterleben. Sie genießen, dass sie noch leben. Sie wollen etwas finden, was sie noch zusammenhält, was Spaß und Sinn macht und ihre Energie aufladen. Du kannst nicht nur weinen und im Bunker sitzen und arbeiten.“ Klausmann ergänzt: „Außerdem haben sie schon einmal erlebt, was es heißt, unter russischer Herrschaft zu sein. Das ist der Ansporn. Wenn Putin gewinnt, kommt das alte System zurück. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.“

=> Audio-Interview mit Didi Klausmann bei Radio Dreyeckland 102,3 vom 5. Juni 2026

=> Bericht des Bundesfinanzministerium zur Ukrainehilfe vom Januar 2026 / PDF

=> Ukrainehilfe direkt – gemeinnütziger Verein in Freiburg

 

 

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von Silvia Kurz