Das Fediverse als Social-Media-Alternative – ein Selbstversuch

3×3 ist neun, wir wollen etwas lernen! Wir funktioniert das Fediverse? Ralf Tauscher (Mitte) und Schopf2Magazin-Redakteur*in
Originalbild: Arne Bicker, Varianten: ChatGTP

 

Ich bin ein Oberflächen-Benutzer. Von Details in der PC-Innenwelt habe ich wenig Ahnung, ich kann nicht programmieren und wenn ich 0 und 1 lese, denke ich an Sportergebnisse, nicht an Binärcodes. Software und Apps sollen mir das Leben erleichtern und meine Probleme lösen, zur guten Unterhaltung dienen oder mich mit Menschen verbinden.

Als ich meinen ersten Feldzug im Fediverse starte, suche ich mir aus den Open Source Portalen Pixelfed.de aus und tue das, was Viele tun würden: Ich lade mir über mein Smartphone die App herunter und erstelle einen Account. Beziehungsweise, ich versuche einen Account zu erstellen. Bei der Eingabe von E-Mail und Passwort fehlt das „Auge“, das Passwort-Sicherheits-Icon. Hatte ich mich vertippt? Kontrollieren kann ich es nicht. Am PC gelingt es mir schließlich die Anmeldung. Die Hoffnung, damit im Nachgang die mobile App zu aktivieren, scheitert mehrfach.

Auf meinem Laptop schaue ich mich bei Pixelfed.de um und suche nach großen regionalen Seiten. Ich werde keinen meiner realen Freunde finden, keiner kennt das Medium, oder, wenn doch, hat die Person es nicht in Benutzung. So fällt meine „wem-will-ich folgen-Wahl“ auf die Badische Zeitung. Die BZ ist seit 2014 aktiv auf Instagram, mit knapp 3000 Beiträge und über 39.400 Follower, Stand März 2026. Auf Pixelfed ist die Zeitung seit Januar 2026 aktiv, mit 180 Beiträgen. Angezeigt wird mir deren Mastodon-Akkount, denn das Fediverse ist transparent und zeigt dem User Schnittstellen aus den anderen sozialen Welten, dort tummeln sich 208 Folgende. Leider kann ich mich nicht mit den gleichen Anmeldedaten von Pixelfed.de bei Mastodon anmelden, dafür wäre wieder ein eigener, neuer Zugang nötig. Die Beiträge im in beiden Social Media Welten sind indentisch, die Interaktion auf Pixelfed jedoch marginal.

In der weiteren Recherche lösche ich die App auf meinem mobilen Endgerät, weil der Zugang weiterhin nicht möglich ist und logge mich auf dem Laptop ein. Dann die Überraschung: ich habe einen Follower! Diese sich männlich zeigende Person ist vermutlich ein Scam. „Somewhat shy, but loving and caring“ – so beschriebt sich die Person, namens „James Huber“. Ich könnte ihn blockieren, stummschalten oder melden, die gleichen Funktionen, die Instagram auch hat. Da er mein einziger Follower ist, hänge ich ein bisschen an ihm und lasse das mal so. Zu Versuchszwecken poste ich ein Katzenfoto auf Instagram und auf Pixelfed – Katze geht immer. Nach 48 Stunden die Bilanz: 82 Views, sechs Likes und zwei neue Follower auf Instagram. Bei Pixelfed ein Like, sonst nichts. Es ist einfach wenig los hier. Im weiteren Verlauf entdecke ich, dass es Pixelfed.de gibt (mit 86.000 Nutzern) und Pixelfed.social (300 – 500.000 Nutzer) – und das ist nicht identisch. Ersteres wird über den Chaos Computer Club Hamburg betreiben, letzteres über den Gründer von Pixelfed, Daniel Supernault. Beide Seiten interagieren miteinander, Inhalte werden wie bei allen Portalen, die dem Fediverse zuzuordnen sind, übergreifend angezeigt – macht die Sache für mich erstmal verwirrender.

„Dan_sup“, wie der Gründer sich nennt, verfügt über ein Instagram Konto. Er führt es im gleichen Stil wie seinen Pixelfed Account. Er liebt offensichtlich seinen Hund, hat 88 Follower, keine laute Interaktion. Es ist ein gutes Beispiel, wie man einen Instagram Akkount stressfrei führen kann, denn nicht jeder User – vermutlich sogar die wenigsten – ist automatisch ein geldfixierter Influencer, der Klicks und Likes hinterherjagt.

Im Januar 2025 hatte Supernault einen offenen Brief an Mark Zuckerberg geschrieben, nachdem er festgestellt hatte, dass Pfade auf Instagram, die zu Pixelfed führen, gesperrt wurden. Er fühle sich geschmeichelt, dass sein „kleines Projekt“ so viel Aufmerksamkeit bekäme, so Supernault im Brief, und erinnere ihn und andere achtsame Nutzer daran, welche Motivation ihn zur Entwicklung von Pixelfed angetrieben hätte: der Respekt der eigenen Privatsphäre, die volle Kontrolle über die eigene Onlinepräsenz und der Widerstand gegen die digitalen Monopole. Diese Argumente sind schwerwiegend relevant und nicht wegzudiskutieren.

Ich bleibe aber unzufrieden, denn die stärksten Argument FÜR Social Media via META– Reichweite, Sichtbarkeit und Interaktion, speziell für einen öffentlichen Akkount, der die richtige Zielgruppe erreichen soll – sind für mich nicht gelöst.

Ein paar Wochen später treffe ich live und persönlich Ralf Tauscher. Er soll mehr Licht in meine nebliges fediverses Wissen bringen. Tauscher, der sich selbst lachend als „Nerd“ bezeichnet, ist Mitbegründer der Online-Plattform von „Freiburg.Social.e.V.“, einer Gruppe Menschen, die sich für freie Software einsetzten, – frei von Algorithmus, Werbung und unseriöser Datennutzung. Ihr Tummelplatz ist das Fediverse, das – was ich erst jetzt in Gänze verstehe – ein wirklich großes Netz aus unterschiedlichen eigenen Kanälen ist. Jede Person kann eigene Kanäle betreiben, es gibt kein zentrales Kontroll- und Verwaltungsorgan. Tauscher betreibt aus purem Spaß einen Kanal für sein Küchenfensterthermometer. Es hat zweistellig Follower und spuckt alle 24 Stunden die aktuelle Temperatur aus. Nextlevel nerdig, aber lustig.

Bei Cappuccino und Laptop erfahre ich, dass mich auf dem „falschen“ Kanal rumtreibe, möchte ich speziell Interaktion mit Freiburger*innen haben. Mein pixeldfed.de-Konto (und mein Katzen-Posting), sind in „freiburg.social“ aber auch sichtbar. Ich erstelle mir also direkt einen neuen Account und finde die richtige App, unter „Ice Cubes für Mastodon“. Man wählt die gewünschte Gruppe (Gott, sind das viele!) und Schwupps, ist man richtig. Auf „freiburg.social“ gelten die bekannten Interaktionsregeln: liken, boosten (=reposten), kommentieren. Auch Hashtags, die auf Instagram inzwischen als überholt gelten, spielen eine große Rolle. Das Fotoposting-Format ist quer statt hoch, ein Mehrfachpost enthält maximal vier Bilder, die bitte einen Beschreibungstext für barrierefreie Nutzung bekommen sollten. Die Gründer von „freiburg.social“ haben eigenmächtig die inhaltliche Zeichenanzahl für Posts erhöht – das kann man dann, wenn man’s kann, einfach selbst als Kanalbetreiber für alle Nutzenden verändern.

Nach ein paar Tagen kann ich die erste Interaktion verzeichnen. Für Videos ist das ganze soziale Pixelfeld aber nicht geeignet. Dazu empfiehlt Tauscher Peertube, eine Software, die es bei unterschiedlichen Anbietern, deren Namen ich noch nie gehört habe, gibt. Der Vorteil: Keine Werbung. Nachteil: Sie sind alle schmerzhaft kostenpflichtig.

Ohne persönliches Coaching hätte ich die Rätsel des Fediverse nicht entschlüsselt. Das ist ein bisschen schade, wenn man den Mehrwert dahinter bedenkt. Der Bekanntheitsgrad ist sehr niedrig und damit auch kurzfristig kein großes Wachstum möglich. Wer aus einschlägigen Gründen nicht die Meta-Plattformen nutzen möchte, muss sich sehr anstrengen oder einen Kurs besuchen (Tauscher bietet das hier in Freiburg hin und wieder an). Insgesamt gibt es einige Schwachstellen in der Handhabung, und es müsste für „Nicht-Nerds“ leichter zu verstehen sein. Da dürfte man sich vom „bösen großen Bruder“ das eine oder andere noch abschauen, denn die „idiotensichere“ Menüführung vom Mark Zuckerbergs und Steve Jobs Produkten sind sicherlich ein großer Teil des weltweiten Erfolges.

Ich werde mein Meta-Universum erst mal nicht aufgeben und abwarten, wie sich „freiburg.social“ für mich weiterentwickelt. Es spricht nämlich nichts dagegen, bei einem Instagram-Post das Fediverse zu verlinken und vice versa. Aus mir wird beim besten Willen keine Nerdin mehr, den Binärcodes bleibe ich fern und mit 1:0 hätte der SC Freiburg gegen Sporting Braga am 7. Mai noch eine Chance aufs Finale. Mal sehen, was ich dann wo poste.

Quellen:

pixelfed.de offener Brief an Mark Zuckerberg

Social Networks nach Nutzern 2025| Statista Social Media Nutzerzahlen 12/2025

ralf tauscher :FreiburgSocial: (@stereo@freiburg.social) – freiburg.social 

Schopf2Magazin (@Schopf2Magazin@freiburg.social) – freiburg.social 

 

 

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von Silvia Kurz