
Kolumne: Äh, ja
Warum ich den Wahl-O-Mat wählen würde
Da isser wieder, der Wal-O-Mat von der Landes- und Bundeszentrale für politische Bildung. Am 8. März 2026 wird in Baden-Württemberg gewählt, unter anderem ein Nachfolger für Sie-kennen-mich-Kretschmann. Der Wahl-O-Mat soll eine Hilfestellung sein für uns Wählende. 21 Parteien haben dafür 38 Thesen beantwortet. Zu diesen wiederum habe ich heute online Stellung genommen – und bekam am Ende, schön nach Übereinstummungsprozenten geordnet, Parteinamen ausgespuckt, die zu meinen politischen Interessen passen könnten.
In meinen so ermittelten Wahlempfehlungen landeten in meinem Top-Six-Warenkorb (über 75 % Thesen-Übereinstimmung) unter anderem die Satire-Partei sowie ein Kleinpartei, deren Namen ich noch nie gehört habe. Gerade in Bezug auf Erstere frage ich mich, welchen Wert dieses von mir durch ernst gemeinte Antworten herausgekitzelte Ergebnis eigentlich haben kann.
Hilfreich ist da vielleicht zunächst jene Definition, wonach eine These eine zu beweisende Behauptung sei.
Die Parteien geben also im Idealfall ehrliche und direkte, im schlimmsten Fall unehrliche und verschleierte Auskünfte über ihre Absichten, die sie zu einem Zeitpunkt vor der Wahl formulieren. Das gilt gleichermaßen für den vertiefenden Blick in die jeweiligen Wahlprogramme. Die Wahrscheinlichkeit, dass die gewählten Parteien die solchermaßen erklärten Absichten zu einem späteren Zeitpunkt auch wirklich umsetzen wollen, hängt indes von den jetzt noch nicht zu erahnenden, zukünftigen Entscheidungen der Parteien ab. Ob diese Absichten, sofern sie Bestand haben werden, umgesetzt werden, hängt wiederum auch von der jeweiligen Regierung, den zu bildenden Koalitionen und deren hochkomplexen und erfahrungsgemäß oftmals machtgetriebenen Entscheidungsfindungen sowie der moralischen Integrität der handelnden Personen ab.
Ich betone hier, dass dieser gesamte Text nur meine persönliche Meinung wiedergibt.
Der Einfluss aller Wählenden auf die letztendlich stattfindende Regierungspolitik durch unsere Wahlentscheidung erscheint mir erfahrungsgemäß unfassbar gering. Warum wähle ich persönlich dennoch? Weil ich mich damit unmissverständlich als Anhänger der Demokratie oute. Weil ich damit eine Stimme abgebe, die nicht dem Faschismus anheimfällt, wodurch dieser wiederum weniger Stimmanteile erhält. Weil ich eine Partei wählen kann, der ich im Groben zutraue, mehr oder weniger so irgendwie in etwa in Richtung meiner Interessen Politik zu machen. Mehr darf ich nicht erwarten, damit muss ich mich bescheiden, so ist das Prinzip.
Darf ich darüber hinaus eine Anregung zur Moderniserung unserer Demokratie und zu ihrer aufgrund immer größer werdender Gegnerscharen vielleicht nötigen zeitgemäßen Verbesserung äußern – wenn auch leider nicht auf dem Wahlzettel, sondern nur hier? Ja, das darf ich. Meinungsfreiheit, hier und jetzt und zum Glück noch und hoffentlich auf immer.
Also: Ich würde gern diese 38 Thesen auf meinem Wahlzettel vorfinden, wie im Wahl-O-Mat – „stimme zu“, „neutral“, „stimme nicht zu“. Dann würde ich mir für die nahe, mittlere und ferne Zukunft eine Regierungspolitik wünschen, die die so ermittelten mehrheitlichen Wünsche der Wählenden durch maximal kompetente Politikmachende, wissenschaftlich assistiert, verpflichtend umsetzt oder das zumindest ehrlich und konsequent versucht. Die Inhalte der Wahlthesen sollten vorab durch zum Beispiel repräsentative Online-Befragungen oder Beteiligungsverfahren unter uns Bürgerinnen und Bürgern direkt und nach dem Gleichheitsgrundsatz ermittelt werden.
Wenn ich die Umsetzung dieses Wunsches auf meinem Wahlzettel ankreuzen könnte – ich würde es tun.
Hier geht’s zum BW Wahl-O-Mat:
https://www.wahl-o-mat.de/bw2026/app/main_app.html
=> In der Kolumne F schreiben Silvia Kurz (Mein Leben und ich) und Arne Bicker (Äh, ja).




