Spendabler Präsident | Verbale Kunstfehler | Überschätzungen | Abgründe | Lindenschicksal
von Arne Bicker

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle erzählt, dass unser Bundespräsident nur halb so teuer ist wie das britische Königshaus. Der Bundespräsident ist nun umgezogen, von Schloss Bellevue in das nicht so genannte Schloss Spreebogen in Moabit, wo er, zumindest aus der obersten Etage, auch einen Bellevue hat. Das alte Schloss wird jetzt saniert, acht Jahre lang, man weiß ja wie das so ist mit den Handwerkern. Das neue Ersatzgebäude kostet derweil 16 Millionen Euro Miete pro Jahr an die Besitzerin, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, berichtet correctiv.org in seiner „Leserfrage der Woche“. Na also, es geht doch: Der Bundespräsident, der privat weiter in seiner Dienstvilla in Berlin-Dahlem frühstückt, beschert unserem Staat auch satte Einnahmen.
Ein Oberarzt an der Uni-Klinik in Rostock ist ins Fadenkreuz der Justiz geraten, weil er wiederholt und mit Absicht verbale Kunstfehler gemacht hat. Konkret geht es um menschenverachtende und gewaltheraufbeschwörende, rassistische Online-Posts gegen Migranten. Das berichtet der NDR. Die Aussagen, deren Urheberschaft der Arzt inzwischen bestätigt haben soll, sind dergestalt, dass ich sie hier, nicht nur aus Gründen der offensichtlich von so vielen Menschen vergessenen Geschichte dieses Staats, auf gar keinen Fall wiedergeben möchte.
Was mich direkt noch einmal dem bereits erwähnten correctiv-Newsletter in die Arme treibt. „43% – Überschätzen Umfragen die „[…]“?“, fragten die Kolleg*innen unter der Woche und stellten zugleich die Frage nach der Zuverlässigkeit solcher Umfragen. Schätzung hin oder her – ich persönlich halte jeden Wert für zu hoch, aber das ist nur meine persönliche politische Meinung. Und eigentlich ist das schon längst überfällig – aber spätestens jetzt müssen wir uns fragen: Warum ist diese Zahl grundsätzlich so hoch? Und warum wird sie nicht kleiner? Unser bisheriger Ansatz, dem ein „Demokratisch-Bleiben“ und die Aufforderung zur Wahl demokratischer Parteien entgegenzusetzen, funktioniert nicht. Vielleicht brauchen wir eine bessere Politik, eine bessere Regierung, eine modernere Demokratie, mehr Mitspracherechte, mehr Gemeinwohl? Aber wie könnte das aussehen und wie kommen wir da hin? Dazu werde ich wie gewohnt ein paar Fakten sammeln und sie kommende Woche hier in einem SAH-Wahl-Special veröffentlichen.
Denn wenn der Spiegel schreibt „Sven Schulze will jetzt von Markus Söder lernen„, dann könnte genau das ein Wink mit dem Zaunpfahl des Problems sein. Zwar geht es hier nur um einen neckischen Wahlkampfauftritt eines Ministerpräsidenten bei einem wackeligen Amtskollegen – aber ist Söders Politikstil wirklich noch zeitgemäß? Kann er gar Vorbild sein? Sollte er irgendwann Kanzler werden? Wir stehen am Abgrund, nicht nur an der rechten Flanke.
Wie bekomme ich jetzt noch eine Kurve zum Heiteren? Indem ich zum rettenden Strohhalm greife, der Fußball-Bundesliga. Und da berichte ich besser nicht über die Freiburger Krankheit Atubolismus, eine Art zielloses Geldfernweh mit Beratervirus. Sehr viel neugieriger bin ich auf Coach Vincent Wagner und seine Jungs. Ein Kollege der Saarbrücker Zeitung traut dem Aufsteiger SV Elversberg aus dem wortwörtlichen Nichts heraus „Platz 16“ zu. Immerhin ist Elversberg ein Fußballverein wie ein Baum, er treibt Jahr für Jahr aus, nur den Bayern das Meisterwerden nicht. Mein Vorschlag: Geben wir den Bayern nach ihrem 100:1-Auftaktsieg am Freitag in Stuttgart einfach die Meisterschale und schicken sie in Urlaub. Die restlichen Mannschaften machen dann einen Deutschen Meister 1b unter sich aus. Da könnte dann Elversberg sogar 15. werden. Wir werden uns noch wundern.
Die Woche in Deutschland (DWiD) ist eine satirische Kurznachrichten-Kuratierung, die unser Autor 2013 erstmals im deutsch-französischen Online-Magazin „Eurojournalist.eu“ eingeführt hat. Hier werden Geschehnisse der zurückliegenden Woche kuratiert und zu berichtenden Medien verlinkt.




