
Kolumne: Mein Leben und Ich
Weibsbilder
Zugegeben, ich wollte nur den Vormittag überbrücken und bin aus recht profanen Gründen in der „Galleria d‘Arte Moderna“ in Mailand gelandet. „Ein bisschen Kunst“ anschauen war die Idee, aber 20 Minuten später befand ich mich in innerer Aufruhr über das Frauenbild im italienischen Klassizismus.
Der Auslöser: Eine junge Frau aus Marmor. Der Titel: Eva doppo il peccato – Eva nach dem Sündenfall. Eine handwerklich zweifelsfrei großartige Leistung, dreidimensional beeindruckend, traumhafte Details, der Künstler ein Könner. Dass dem Mädel da vor mir die Scham des vermutlich soeben Erlebten aus jeder einzelnen steinernen Pore sprang, war weniger traumhaft.
Eine unsichere Körperhaltung voller Verlegenheit und Angst, weil – ja warum eigentlich? Hatte sie etwas getan, was sie gar nicht wollte? Wie lange kannte sie diesen Adam eigentlich schon? Und wieso lässt er sie mit dieser angeblichen „Last der Sünde“ – was zur Hölle soll das eigentlich sein? – alleine? Wütend sehe ich mich um, aber von Adam keine Spur. Nur süffisant lächelnde fremde Männer feixen aus ihren öligen Gesichtern von den Wänden.
Der Künstler seit über 200 Jahren mausetot, leider, an ihn hätte ich ein paar deutliche Worte richten wollen. Innocenzo (wörtlich „der Unschuldige“) Fraccaroli, hat mehrere Evadarstellungen aus Marmor erschaffen, alle im Kontext des schuldhaften Frauenbildes der Bibel.
Zähneknirschend und mit schlechtem Gewissen lasse ich Eva in ihrem Zustand zurück und ärgere mich über die seit Jahrtausenden manifestierten Sichtweisen auf Frauen. Ich bin drauf und dran, die Epoche im Einzelnen und die Welt im Besonderen zu verfluchen. Doch dann kommt völlig unerwartet im übernächsten Raum die Wendung.
Federico Faruffini hat sie gemalt, ein Zeitgenosse von Innocenzo, aber unterschiedlicher könnte die Darstellung nicht sein. Ein Ölgemälde mit dem Titel „La Lettrice“. Die Lesende lümmelt lässig auf dem Sofa, einen Berg unordentlicher Bücher und eine Karaffe mit Durchsichtigem vor sich. Eine Hand locker im aufgeschlagenen Buch, in der anderen eine glimmende Selbstgedrehte.
Sie liest, raucht, hat nicht aufgeräumt und es ist ihr einerlei, ich liebe alles daran. Sollte sie später noch Herrenbesuch erwarten, der Abend wird garantiert anders laufen, als der von Eva. Es tröstet mich mehr, als es sollte, denn eigentlich weiß ich, dass es zu jeder Zeit die Federicos gegeben hat.
„Die Lesende“ wird zum unerwarteten Highlight meines Vormittags. Wenn mein Italienisch fließender wäre, würde ich die Angestellten davon überzeugen, das Gemälde in den Raum zu Eva zu hängen. Denn wir Mädels müssen zusammenhalten.
Schaut selbst: Galleria d’Arte Moderna, Mailand, Eintritt 5 €
=> In der Kolumne F schreiben Silvia Kurz (Mein Leben und ich) und Arne Bicker (Äh, ja).




